{"id":2986,"date":"2011-01-14T20:04:03","date_gmt":"2011-01-14T19:04:03","guid":{"rendered":"https:\/\/acureus.com\/?p=2986"},"modified":"2011-01-15T20:37:07","modified_gmt":"2011-01-15T19:37:07","slug":"eine-lektion-uber-leben-tod-mut-leichtsinn-und-menschliche-zerstorung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.acureus.com\/?p=2986","title":{"rendered":"Eine Lektion \u00fcber Leben, Tod, Mut, Leichtsinn und menschliche Zerst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Eine F\u00fcchsin mit dunkelrotem Fell und schwarzen Ohrenspitzen hat die letzte Stra\u00dfe vor einem Stacheldraht \u00fcberquert, hinter dem vermehrte B\u00e4ume auf einen beginnenden Wald hindeuten. Ihr Gef\u00e4hrte, etwas blasser und heller gef\u00e4rbt, steht dicht hinter ihr, so stabil es seine drei noch verwendbaren Beine zulassen&#8230;<\/p>\n<p>In wem jetzt eine Erinnerung aufsteigt, der braucht auf den more-tag \u00fcberhaupt nicht zu klicken. Au\u00dfer vielleicht, um einen nostalgischen Kommentar zu hinterlassen. ;) Man sieht im gesamten Internet, wie ehemalige Zuschauer jener kleinen Kinderserie heute heute noch auf Anspielungen daraus reagieren. Und ganz besonders <em>diese <\/em>Folge k\u00f6nnen die Wenigsten vergessen.<\/p>\n<p>Wer ein Fragezeichen \u00fcber dem Kopf hat, kann weiterlesen, um herauszufinden, was mich als Einziges in meinem Leben an einen echten alten Fernseher gefesselt hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mir wurde ja oft genug vorgeworfen, dass ich die Biene Maja nicht kenne&#8230; und ich w\u00fcsste gern, ob ich etwas verpasst habe. (Freue mich \u00fcber follow-up blogs!) Ich wundere mich jedenfalls, dass sich so Wenige an jene Serie erinnern, deren Eindruck auf mich vollkommen konkurrenzlos blieb, bis ich mit 14 Miyazaki kennenlernte.<\/p>\n<p><a rel=\"attachment wp-att-2987\" href=\"https:\/\/acureus.com\/?attachment_id=2987\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-2987\" title=\"AoFW\" src=\"https:\/\/acureus.com\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Animals-of-Farthing-Wood-on-Black-animals-of-farthing-wood-3823747-1280-960-150x150.jpg\" alt=\"Wir werden euch nicht vergessen\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich versuche mich jetzt an einer laienhaften Umschreibung von einem der  Storyf\u00e4den. Entschuldigt eventuelle Schreibstil-Aussetzer. F\u00fcr die  richtige Version gibt&#8217;s ja original-B\u00fccher sowie eben die Fernsehserie.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"color: #888888;\"> <\/span><\/p>\n<p>Keck. Bold. Es ist mehr eine Bezeichnung als ein Name, daher spielt der genaue Wortlaut kaum eine Rolle. Wir kennen ihn, wir kennen ihn schon, seitdem er nach einer mit viel Blut bezahlten Reise endlich in der Sicherheit des Wei\u00dfhirschparks geboren werden konnte. Und er lebte seinen Namen von Anfang an. Mutig und frech, aber nie so gedankenverloren wie seine Schwester, der ihre Art viel zu bald das Leben gekostet hat.<\/p>\n<p>Und er ist rebellisch. Zu rebellisch, um mit seinem Vater, dem ber\u00fchmten Thalerwaldfuchs, ein Revier zu teilen. Er w\u00fcnscht sich Freiheit, und er ist diesem Wunsch nachgegangen, noch ehe er ausgewachsen war. In Streit verlie\u00df er seine Familie, und diese hatte kaum Zeit, ihn zu verabschieden &#8212; oder eindringlich genug davor zu warnen, was ihn au\u00dferhalb der Parkgrenzen erwartet.<\/p>\n<p>Zeitlich betrachtet hat er schnell gelernt, woher die echte Gefahr droht, jedoch f\u00fcr einen hohen Preis. F\u00fcr den Versuch, eine Falle zu entsch\u00e4rfen, zahlte er mit einem Auge, und bald darauf hatte ihm sein Leichtsinn eine Gewehrkugel beschert, die seinen K\u00f6rper nicht mehr verlassen w\u00fcrde. Verletzt und krank musste er sich immer tiefer in menschliches Gebiet schleppen, um den t\u00f6dlichen Bauern zu entkommen.<\/p>\n<p>Der \u00dcberlebenskampf war nur m\u00f6glich dank eines ungew\u00f6hnlich gastfreundlichen Hundes, der tats\u00e4chlich sein Futter teilt &#8212; und einer Hilfe, mit der er nicht gerechnet h\u00e4tte: einer jungen F\u00fcchsin mit wundersch\u00f6nem dunkelroten Fell und pechschwarzen Ohrenspitzen. <em>Whisper.<\/em> <span style=\"color: #999999;\"><em>(Windspiel auf Deutsch.)<\/em><\/span> Wie konnte sie in diesem Land des Terrors nur leben? Mit der Zeit sah er ein St\u00fcck der Antwort &#8212; wie sie mit geschickter Rattenjagd und der Ausnutzung des seltsamen Gel\u00e4ndes nicht nur sich, sondern auch ihn am Leben hielt. Sie ist grazil, willensstark, aber auch einsam und gelduldig &#8212; und das beste, was ihn in seinem Leben bisher widerfahren war.<\/p>\n<p>Sie hatten den Winter \u00fcberlebt, und es schien, als k\u00f6nnten sie trotz widriger Umst\u00e4nde noch l\u00e4nger durchhalten. Doch als Whisper Nachwuchs erwartete, wurde Kecks Vergangenheit zum einzigen Ausweg. Whisper w\u00fcnschte sich den Schutz des Wei\u00dfhirschparks. Die Jungen durften, nein, konnten einfach nicht an einem Ort wie einer Menschensiedlung geboren werden; das w\u00e4re ihr Tod. Es hat Keck traurig gestimmt, dass wieder einmal die Gr\u00f6\u00dfe seines Vaters sein Leben \u00fcberschattete, und dass seine Verwandschaft mit ihm sicherlich eine Rolle bei Whispers Interesse gespielt hat. Aber sie hatte Recht. Eine R\u00fcckkehr war die einzige Wahl. Keck war immer noch krank, doch er musste die Reise antreten.<\/p>\n<p>Und so stehen sie endlich vor dem Zaun. Zwei verbogene Stacheldr\u00e4hte, eigentlich keinerlei Hindernis, k\u00fcndigen den Beginn des lange herbeigesehnten Wei\u00dfhirschparks an. Sie haben sogar einen Freund mitgebracht, eine neugierige Kr\u00e4he, die f\u00fcr Keck schon l\u00e4nger ein treuer Verb\u00fcndeter ist. Aber Keck ist unheimlich schwach, er kann kaum noch laufen. Und die Beiden F\u00fcchse wissen nicht, was sich im Park abspielt. Dass sich wieder einmal das eigentlich undenkbare P\u00e4rchen der verfeindeten Fuchsfamilien trifft, um \u00fcber ihre Zukunft und den k\u00fcrzlich stattgefundenen Kampf der Familienv\u00e4ter zu sprechen. Dass der Familienkrieg noch an diesem Tag sein Ende finden w\u00fcrde. Aber sie wissen, dass Keck den Konflikt mit seinem Vater nicht einfach vergessen kann und will. Und, dass seine Verletzungen ihn schon lange an seine Grenzen gebracht haben.<\/p>\n<p>Als er ersch\u00f6pft vor der Grenze liegt, geht seine Gef\u00e4hrtin auf Nahrungsuche, um ihn \u00fcber das letzte St\u00fcck der Reise zu bringen. Er sieht ihr nach, wie sie hinter einem H\u00fcgel verschwindet. Ein Kr\u00e4hen ert\u00f6nt \u00fcber Kecks Kopf.<\/p>\n<p>&#8222;Du bist noch bei uns? Ich dachte, du h\u00e4ttest uns l\u00e4ngst aufgegeben.&#8220; Kecks stimme klingt rauh und m\u00fcde.<\/p>\n<p>&#8222;Das kann ich doch nicht. Kann ich nicht! Genausowenig wie du!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du wei\u00dft, dass ich da nicht mehr reingehen kann.&#8220;, erwidert Keck, w\u00e4hrend sich sein Blick auf das Schild mit dem m\u00e4chtigen Symbol des Parks, dem Wei\u00dfen Hirsch, richtet.<\/p>\n<p>&#8222;Warum hast du dann den langen Weg zur\u00fcckgelegt?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr Whisper. Und den Nachwuchs. Ich musste sie herbringen&#8230; jetzt ist meine Aufgabe erf\u00fcllt.&#8220;<\/p>\n<p>Er trottet davon, um sich dann unter einen Busch an der Grenze zu legen.<\/p>\n<p>&#8222;Bitte, sag ihr nicht, wo ich bin.&#8220;<\/p>\n<p>Whisper kehrt zur\u00fcck, aber die Kr\u00e4he achtet Kecks Wunsch. Der Erz\u00e4hler sagt noch, dass die junge F\u00fcchsin in ihrem Herzen wei\u00df, dass sie ihren Gef\u00e4hrten verloren hat. Aber das stimmt so nicht; sie wei\u00df es nicht nur in ihrem Herzen, sondern ganz genau. Als sie endlich seine Familie trifft, sagt sie, was sie die ganze Zeit denkt.<\/p>\n<p>&#8222;Er hat sich&#8230; glaube ich&#8230; zum Sterben hingelegt. Zwingt mich nicht, mit euch zu gehen. Ich w\u00fcrde es nicht ertragen.&#8220;<\/p>\n<p>Seine Eltern kommen noch rechtzeitig, um sich von Keck zu verabschieden, seine Geschwister nicht. Er stirbt w\u00e4hrend der Vers\u00f6hnung mit seinem Vater.<\/p>\n<p>Und <em>diese Szene<\/em> hat sich angef\u00fchlt, als ob jemand stirbt. Ich, als Zuschauer, kannte nicht nur diese m\u00e4\u00dfige Kurzfassung, die ich gerade fabriziert habe, sondern einen gro\u00dfen Handlungsbogen. Die Trauernden sind nicht irgendwelche Filler-Figuren; Kecks Vater ist sogar am ehesten der Hauptcharakter der ganzen Serie. <em>Dies sei Betont. Kecks Geschichte ist trotz aller Liebe zum Detail nicht die Hauptstory!<\/em> Ich h\u00f6re <em>nicht <\/em>st\u00e4ndig rei\u00dferische S\u00e4tze im entscheidenden Moment. Und es war <em>nicht <\/em>eine narrative Deus Ex Machina, die Keck get\u00f6tet hat, sondern <em>unsere Welt als Ganzes<\/em>.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr eine fiktive Story eine echte Rarit\u00e4t. Mir ist das richtig aufgefallen, als ich die inflation\u00e4ren Megadeaths in Filmen wie 2012 gesehen habe. Ich kann ungehemmt lachen, wenn da wieder einmal ein paar hundert CGI-Ragdoll-<span style=\"text-decoration: line-through;\">Menschen<\/span> Marionetten den sogenannten Tod finden. Nicht, dass mir die platten Hauptcharaktere wichtiger gewesen w\u00e4ren. Man merkt einfach, dass sie <em>nicht richtig existieren<\/em>, nicht einmal in der Vorstellung des Authors.<\/p>\n<p>Das ganze k\u00fcnstliche Drama-Theater l\u00e4sst mich kalt im Vergleich zu einer Kindergeschichte von ein paar sympathischen F\u00fcchsen &#8212; und ganz besonders einem, der nur seine Freiheit wollte, aber das Pech hatte, seine Erfahrungen ein kleines Bisschen zu sp\u00e4t zu sammeln. Keck, ich werde dich nicht vergessen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bold_%28Farthing_Wood%29\"><em>Wikipedia hat diese Absicht scheinbar auch nicht. ;)<\/em><\/a><\/p>\n<p>Ich habe diesen Blogpost als Test f\u00fcr Schreibstil\/Typographie\/Storyschilderung missbraucht. Falls sich jemand die M\u00fche machen m\u00f6chte, dazu etwas anzumerken, w\u00fcrde mich das auch freuen. <span style=\"color: #999999;\">(Wenn ich irgendwann mal mit mir zufrieden bin, m\u00f6chte ich vielleicht eines Tages eine eigene Geschichte schreiben.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><span style=\"color: #000000;\">Ansonsten: Nostalgia go! Sagt euere Meinung zu &#8222;The Animals of Farthing Wood&#8220;, oder auch: &#8222;Als die Tiere den Wald verlie\u00dfen&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8212;<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><span style=\"color: #000000;\"><em>Nachtrag:<\/em> inb4 Whisper-Haters. \u00dcberall im Netz gibt es Menschen, die Whisper hassen, weil sie in der Diskussion um den Aufbruch zugegeben hat, dass sie wegen Kecks Vater seine Freundin geworden ist. Ich habe diesen Teil der Geschichte hier auf einen Satz beschr\u00e4nkt. Ich fand Whispers Verhalten zwar sehr schroff, aber <em>ehrlich <\/em>und <em>vern\u00fcnftig <\/em>&#8212; und ich finde, sie hat einen furchtbaren Preis daf\u00fcr zahlen m\u00fcssen. Au\u00dferdem lernte sie, ihn zu lieben, und wollte das auch &#8212; mag ja sein, dass es fast schon zu sp\u00e4t war. Ich finde die Strafe f\u00fcr diesen eigentlich angebrachten Egoismus furchtbar genug. Sie verliebte sich richtig, sah ihn sterben, und wird auf ewig davon verfolgt, ihn ins Verderben getrieben zu haben. Gibt Wallpaper davon. <\/span><\/span><strong>You killed him! You killed him! You killed him! <\/strong>Es ist nur ein fiktiver Charakter, aber sie zu beschimpfen ist doch psychische Leichenfledderei.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><span style=\"color: #000000;\">Es ist aber unglaublich, die Kommentare in Youtube-Videos dazu zu lesen. Man merkt richtig, wie emotional ergriffen die User sind, die dort diskutieren. Und zwar vom Inhalt, sie sind sich praktisch alle einig \u00fcber die Qualit\u00e4t der Serie. Ein Ph\u00e4nomen mehr, das ich selten zu Gesicht bekomme.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine F\u00fcchsin mit dunkelrotem Fell und schwarzen Ohrenspitzen hat die letzte Stra\u00dfe vor einem Stacheldraht \u00fcberquert, hinter dem vermehrte B\u00e4ume auf einen beginnenden Wald hindeuten. 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