{"id":3699,"date":"2012-04-03T02:58:29","date_gmt":"2012-04-03T01:58:29","guid":{"rendered":"https:\/\/acureus.com\/?p=3699"},"modified":"2012-04-03T03:09:40","modified_gmt":"2012-04-03T02:09:40","slug":"unterschiede-in-der-wahrnehmung-von-fiktion-und-das-problem-mit-hunger-games","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.acureus.com\/?p=3699","title":{"rendered":"Unterschiede in der Wahrnehmung von Fiktion &#8212; und das Problem mit &#8222;Hunger Games&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich vermute, es ist bereits irgendwo ein kopfsch\u00fctteln, oder zumindest ein kopfsch\u00fcttelnder Gedanke \u00fcber meine Reaktion auf &#8222;Hunger Games&#8220; aufgekommen\u00a0&#8212; ein hoch bewerteter Film, in dem 24 Kinder\/Jugendliche k\u00e4mpfen, bis noch einer lebt. Ich habe nach wenigen Informationen beschlossen, ihn nicht im \u00f6ffentlichen Kino anzuschauen, aber scheue nicht kundzutun, dass der Film nicht gut sein kann.<\/p>\n<p>Nun, das d\u00fcrfte relativ bekloppt klingen, einen Film einzustufen, bevor man ihn gesehen hat. Und wieso tut man so etwas \u00fcberhaupt? Da muss ein Fetzen Vorab-Info schon einige Emotion ausl\u00f6sen. Und so ist es auch. in diesem Fall sind es sogar zwei, eigentlich zu viel f\u00fcr einen Blog-Post. Aber da ich ohnehin oft mehr schreibe als andere eigentlich lesen wollen, \u00fcbe ich mich <em>(Edit: vergeblich ^^)<\/em> in Kompression.<\/p>\n<p>Der wohl wichtigste Punkt wurde mir erst vor kurzem bewusst: die meisten Leute nehmen fiktive Geschichten v\u00f6llig anders wahr als ich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Stellt euch vor, ihr h\u00f6rt ein St\u00fcck Musik. Zahllose Melodien, Rhythmen und Stimmen klingen nach- oder miteinander, und der eigene Geist versetzt sich in eine Welt der Gedanken, die immer wieder neu angesto\u00dfen oder ver\u00e4ndert werden. Es gibt keinen richtigen oder falschen n\u00e4chsten Moment in der Musik, aber sicherlich solche, die inspirierter sind als andere. Kennt ihr dieses Gef\u00fchl? So h\u00f6re ich Musik, und eine \u00e4hnliche Art der Wahrnehmung scheinen viele Menschen beim Filmschauen zu verwenden. Auch ich sehe so einen Film wie IMAX &#8222;Planet Erde&#8220; oder den impressionistischen &#8222;5 cm\/s&#8220;. Doch selbst letzterer kratzt schon hart an der Grenze, bei der mein Kopf den Modus wechselt.<\/p>\n<p>Nun stellt euch vor, ihr plant eine Route in einer euch unbekannten Stadt. Ihr spielt ein Strategiespiel mit drei Gegenern, von denen ihr einen kennt und zwei nicht. Ihr wurdet in einen Papagei verwandelt und auf dem Stachus ausgesetzt. Was w\u00fcrdet ihr wirklich tun? Nicht als Zuschauer, sondern als Teilnehmer der neuen Welt. Was, wenn ihr eine euch dargestellte Welt <em>betreten<\/em>\u00a0w\u00fcrdet?<\/p>\n<p>Wilkommen auf der anderen Seite. Wo man extreme Probleme bekommt, Geschichten wie Narnia oder Harry Potter auszuhalten. Stellt euch vor, ihr w\u00e4rt in Hogwarts, und&#8230; oh, was zum Teufel?\u00a0Was f\u00fcr Energie kostet das Zaubern?\u00a0Wo sind die Schusswaffen hin? Kann ich selbsterhaltende Zauber in endlosen Kombinationen verwenden? Wie konvergiert die Zeit mit derart extremen Eingriffen? Warum tut Voldemort, was er tut? Was ich auch betrachte, es zerf\u00e4llt wieder, sobald ich das n\u00e4chste Element ansehen m\u00f6chte. Ist die Welt instabil, oder bin ich zu dumm, sie aufzunehmen? Erwartungen und Vorhersagen sind v\u00f6llig nutzlos, da regelm\u00e4\u00dfig ein neues Ereignis alles Bekannte \u00fcber den Haufen wirft.<\/p>\n<p><em>(Eine Methode, Harry Potter ohne v\u00f6lligen Bezugsverlust zu erleben, ist das Postulieren eines &#8222;Plot Shields&#8220; f\u00fcr Harry, das die Realit\u00e4t um ihn herum verbiegt. Das funktioniert wunderbar, und macht das Zusehen auch sehr entspannend: wer unverwundbar ist, hat wenig zu denken. Mit Denken hat es der Typ eh nicht so besonders, hihi.)<\/em><\/p>\n<p>Wer diese Art des Denkens nachvollzieht, dem sollte auffallen, dass ein 24-Personen Free-For-All Deathmatch wie in &#8222;Hunger Games&#8220; keinerlei Raum f\u00fcr Auswege l\u00e4sst; den Film aktiv zu betrachten wird extreme Aufmerksamkeit erfordern, logisch sowie emotional. Insbesondere gibt es zwei Punkte, die der Film sehr sauber erf\u00fcllen muss, um nicht \u00e4rgerlich oder widerw\u00e4rtig zu sein.<\/p>\n<p>Erstens: warum es \u00e4rgerlich sein kann. Wenn man das Setting als Spiel betrachtet, ist die Dynamik f\u00fcr einen Menschen extrem unintuitiv. Menschen sind einfach keine echten Einzelg\u00e4nger, insbesondere nicht wir modernen mit unserer Erziehung. Ich habe verschiedene FFA-Last Survivor Deathmatch Spiele gespielt, und beherrsche sie immer noch so gut wie gar nicht. Es ist schwer, andstrengend und manchmal geradezu absto\u00dfend, auf solchen Bahnen zu denken. Aber in &#8222;Hunger Games&#8220; muss ich erwarten, dass die Mitspieler im Film es annehmbar beherrschen; immerhin h\u00e4ngt ihr Leben davon ab, und laut Setting wird ihnen das Thema nicht neu sein. Stark erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftiges Verhalten m\u00fcsste an der Tagesordnung sein, wie zum Beispiel das T\u00f6ten eines bisher Verb\u00fcndeten im Moment der Durchsage eines toten Mitspielers. Sollte der Autor nicht dazu in der Lage sein, solche sehr unintuitiven Sitationen zu simulieren, so erf\u00e4hrt der Zuschauer M\u00fcll. Schwer erkennbaren M\u00fcll. Das ist besonders \u00e4rgerlich, wenn man den Film versehentlich als Erfahrung in das Bewusstsein einflie\u00dfen l\u00e4sst. Wer jetzt behauptet, dass so etwas doch nicht passiert, der untersch\u00e4tzt massiv die unterbewusste Wahrnehmung &#8212; und hat mangels bewusstem Gegensteuern vermutlich selbst bereits eine verf\u00e4lschte Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Und damit w\u00e4ren wir bei zweitens: warum der Film widerw\u00e4rtig sein kann. Ein j\u00fcngerer, weniger erfahrener Zuschauer, der zur Gruppe der &#8222;Weltenbetreter&#8220; geh\u00f6rt, k\u00f6nnte leicht &#8222;Erfahrungen&#8220; aus der besch\u00e4digten Welt aufnehmen. Und damit meine ich sie ganz explizit:<\/p>\n<p>die glorifizierte Gewalt.<\/p>\n<p>Um dieser Anschuldigung zu widerstehen, reicht bei Weitem nicht, dass ein Kind &#8222;bitte nicht&#8220; heult w\u00e4hrend ihm jemand mit unpassender Bewaffnung das Leben nimmt.\u00a0&#8222;Hunger Games&#8220; m\u00fcsste Szenen enthalten, in denen instinktive T\u00f6tungshemmungen wirksam werden. Wenn irgendjemand dazu in der Lage ist, diese auszul\u00f6sen, dann Kinder knapp \u00fcber 12 mit Todesangst. Der Film sollte\u00a0weiterhin nicht-lethale sowie langsam lethale Treffer enthalten, au\u00dfer die Welt ist speziell f\u00fcr saubere Tode ausgelegt; dann muss der Pfeil auf dem Cover allerdings mit starkem Nervengift behandelt sein. Lungen-Deflation, K\u00e4mpfen mit gebrochenen Gliedma\u00dfen, Schw\u00e4che durch Blutverlust, solche Elemente sollten ausreichend vertreten und sauber dargestellt sein, au\u00dfer man hat eine <em>verdammt gute Erkl\u00e4rung.<\/em><\/p>\n<p>Denn wenn nicht, was ist dann die Intention des Films, wenn nicht genau das, dessen Grausamkeit er angeblich beschreibt: Unterhaltung durch Gladiatorenkinder, mit den unbequemen Szenen hinter der Zensur?<\/p>\n<p>Und dann lese ich: PG-13. Das kann nicht richtig sein. Selbst wenn wenig Versuche stattfinden, den eigenen K\u00f6rper zu verkaufen, m\u00fcsste die schiere Brutalit\u00e4t selbst bei den Amis jede Grenze \u00fcberschreiten. Und zwar die psychische sowie die physische. Eigentlich f\u00e4llt mir kaum ein Bewertungskriterium f\u00fcr Altersbeschr\u00e4nkung ein, bei dem nicht jede Grenze \u00fcberschritten werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>So, und da habt ihr&#8217;s: ausgerechnet FD fordert mehr Jugendschutz. Ich m\u00f6chte f\u00fcr den Film nicht zahlen, bevor meine Bef\u00fcrchtung widerlegt wurde. Das Ding klingt ausnahmsweise mal wirklich gef\u00e4hrlich. Sucht mal nach einem &#8222;Teens React Hunger Games&#8220; Video; in der Reaktion der jungen Fans stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Die Emotionen, die ich sehe, sind zu positiv, suchen den &#8222;Kick&#8220; der Vorstellung dieser Welt, m\u00f6glicherweise (und hoffentlich!) in grob unrealistischer Form.<\/p>\n<p>Falls das wahr ist, traue praktisch keinem Jugendlichen zu, den Film korrekt verarbeiten zu k\u00f6nnen. Sie sollten ihn nicht sehen; ich w\u00fcrde ihn einem j\u00fcngeren ich nicht zeigen wollen. Wenn jemand einen solchen Film als Erfahrung wahrnimmt und dabei derart positive Emotionen empfindet, wie sie bei den Fans aufzutreten scheinen, dann ist das wirklich beunruhigend.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich diesen Post geschrieben habe, hat jemand den Film angesehen und mir gerade ein paar Kommentare gegeben.\u00a0*hust* ihr ahnt, wer das um die Uhrzeit tut, er hatte nat\u00fcrlich identische Vorurteile.\u00a0Trotzdem ist das Urteil nach wenigen Beispielen ziemlich eindeutig richtig. Nun kann ich feststellen, dass meine Vorhersagen akkurat waren &#8212; eher noch zu konservativ &#8212; und das Thema um 3:30 nachts abhaken.<\/p>\n<p>Bei diesem Gedanken muss ich zum Gl\u00fcck nicht pr\u00fcfen, ob die Welt, aus der er stammt, auch ausreichende Qualit\u00e4t hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich vermute, es ist bereits irgendwo ein kopfsch\u00fctteln, oder zumindest ein kopfsch\u00fcttelnder Gedanke \u00fcber meine Reaktion auf &#8222;Hunger Games&#8220; aufgekommen\u00a0&#8212; ein hoch bewerteter Film, in dem 24 Kinder\/Jugendliche k\u00e4mpfen, bis noch einer lebt. 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