{"id":3761,"date":"2012-04-26T16:06:48","date_gmt":"2012-04-26T15:06:48","guid":{"rendered":"https:\/\/acureus.com\/?p=3761"},"modified":"2012-05-13T20:21:15","modified_gmt":"2012-05-13T19:21:15","slug":"orientierungssinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.acureus.com\/?p=3761","title":{"rendered":"Orientierungssinn"},"content":{"rendered":"<p>Vor ein paar Jahren nahm ich an einem Experiment einer Studie \u00fcber den menschlichen Orientierungssinn als Proband teil. Der Experimentator, er hie\u00df Lukas, teilte mir danach mit, dass mein Gehirn ausschlie\u00dflich ein dreidimensionales Modell der Umgebung erstellen w\u00fcrde, aber dabei keine Farben, Texturen oder \u00e4hnliches aufnimmt. Wenn ich mich bewege, so sagte er mir, dann w\u00fcrde ich mir den zur\u00fcckgelegten Weg mit L\u00e4ngen- und Winkelma\u00dfen merken und so immer wissen, wo ich bin. In Ermangelung eines Namens nenne ich das die Typ-A-Navigation. Andere Menschen mit Typ-B-Navigation hingegen w\u00fcrden ausschlie\u00dflich markante Objekte speichern sowie Informationen, wie man zum n\u00e4chsten Objekt gelangt. Also beispielsweise w\u00fcrden sie sich den Kirchturm merken und zus\u00e4tzlich die Information, dass es hinter dem Kirchturm rechts zum B\u00e4cker geht, am Kirschbaum vorbei.<br \/>\nTyp A h\u00e4tte sich gemerkt, dass man zuerst 100m gerade gehen muss. Dann ist Typ A bei der Kirche, ohne zu merken, dass es eine Kirche ist. Er w\u00fcsste aber, dass er sich jetzt um 90 Grad nach rechts drehen muss und dann weitere 100m gehen muss. Den Kirschbaum h\u00e4tte er nicht bemerkt. Es gibt laut Lukas also genau zwei verschiedene Arten der menschlichen Navigation. Ich war Typ A. So weit, so gut.<\/p>\n<p>Nach dem Experiment hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn ich hatte geschummelt.<!--more--> Aber ich war jung und brauchte das Geld. Bei Teilen des Experiments wurde mir f\u00fcr ein paar Sekunden ein um eine Achse zuf\u00e4llig rotierter dreidimensionaler Pfeil auf einem Bildschirm angezeigt. Ich sollte mir den Winkel merken und reproduzieren.<br \/>\nBei der Darstellung am Bildschirm wurde aber kein Aliasing verwendet, so dass ich ganz leicht Pixel z\u00e4hlen konnte! Folglich waren alle meine Winkel zu 100% richtig. Lukas war von mir begeistert und fragte, wie ich dieses Ergebnis bewerkstelligt h\u00e4tte. Ich verschwieg das Pixel-Z\u00e4hlen, da ich Angst hatte, dass mein Datensatz als ung\u00fcltig erkl\u00e4rt und mir die versprochene Aufwandsentsch\u00e4digung in H\u00f6he von 8 Euro verwehrt worden w\u00e4re! Stattdessen verwies ich auf meine r\u00e4umliche Vorstellungskraft. Das begeisterte ihn noch mehr und sagte, ich w\u00fcrde in Hinblick auf meine anderen Testergebnisse seine Hypothese \u00fcber den Orientierungssinn exakt best\u00e4tigen. (An die genaue Formulierung der Hypothese erinnere ich mich nicht mehr.)<br \/>\nDas Experiment war Teil seiner Doktorarbeit und ich hatte wahrscheinlich gerade seine Messwerte verf\u00e4lscht. Zuerst dachte ich, dass ein Proband von 500 schon nicht so viel Schaden anrichten k\u00f6nnte. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass es nur 12 Testpersonen gab und dies eine \u00fcbliche Stichprobengr\u00f6\u00dfe in der Gehirnforschung sei. Danach hatte ich wirklich ein schlechtes Gewissen. Wenn die anderen Probanden auch Geeks waren, dann haben sie auch Pixel gez\u00e4hlt, anstatt sich den Pfeil als dreidimensionales Objekt vorzustellen!<\/p>\n<p>Um Lukas Studie zu ersetzen, habe ich ein Selbstbeobachtungsexperiment gestartet. Ein paar Jahre sp\u00e4ter, n\u00e4mlich heute, bin ich zu einem Ergebnis gekommen: in unbekannten St\u00e4dten navigiere ich nicht so wie oben beschrieben. Ich bin nicht Typ A, nur beinahe.<br \/>\nIch merke mir durchaus die Geometrie des zur\u00fcckgelegten Weges.<br \/>\nSind jedoch Winkel im Spiel die nicht exakt Vielfache von 45 Grad sind, dann kann ich meine Position nach einer Weile nur noch mit sehr gro\u00dfem Fehler relativ zum Startort meiner Route angeben (damit meine ich, dass ich nicht mehr die Luftlinienrichtung zum Startort zeigen kann). Biegt eine Stra\u00dfe von einer Anderen in einem krummen Winkel ab, zum Beispiel mit 80\u00b0 statt ordentlichen 90\u00b0, so verwirrt mich das. Ich bemerke zwar, dass es kein rechter Winkel ist, aber es hilft mir nicht viel und mein im Kopf angelegter Stadtplan bekommt Fehler.<br \/>\nAb diesem Moment schalte ich auf Typ-B-Navigation um. Ich halte dann Ausschau nach Geb\u00e4uden, die ich kenne (was ich nach Lukas Aussage zu 0% tue). Sobald ich eines dieser Geb\u00e4ude gefunden habe, nutze ich die neue Information um meinen Stadtplan zurecht zu zerren.<br \/>\nBeim Spielen von Counter-Strike in einer neuen Welt lasse ich mich am Anfang gerne t\u00f6ten um im Free-Fly-Modus die Welt von oben sehen zu k\u00f6nnen. So verstehe ich sie in wenigen Augenblicken. Erlerne ich die Geometrie der Welt hingegen nur durch die Ego-Perspektive, so brauche ich ewig und orientiere mich anfangs stark an herumliegenden Gegenst\u00e4nden oder Wandtexturen.<br \/>\nMeine Einzelfallstudie ist damit abgeschlossen. Typ-A-Gehirne nutzen ebenfalls die Typ-B-Navigation. Und ich behaupte, dass es sich mit allen Menschen so verh\u00e4lt, die von Lukas als reiner A-Typ eingestuft worden w\u00e4ren (schlie\u00dflich haben alle meine Probanden sich so verhalten). \u00dcber reine Typ-B-Gehirne kann ich naturgem\u00e4\u00df nichts sagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Jahren nahm ich an einem Experiment einer Studie \u00fcber den menschlichen Orientierungssinn als Proband teil. Der Experimentator, er hie\u00df Lukas, teilte mir danach mit, dass mein Gehirn ausschlie\u00dflich ein dreidimensionales Modell der Umgebung erstellen w\u00fcrde, aber dabei keine Farben, Texturen oder \u00e4hnliches aufnimmt. 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