{"id":4366,"date":"2016-04-27T16:37:59","date_gmt":"2016-04-27T15:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/acureus.com\/?p=4366"},"modified":"2016-04-27T19:46:36","modified_gmt":"2016-04-27T18:46:36","slug":"warum-man-denke-ich-die-e-mobilitaet-kritisch-sehen-darf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.acureus.com\/?p=4366","title":{"rendered":"Warum man, denke ich, die E-Mobilit\u00e4t kritisch sehen darf"},"content":{"rendered":"<p>Soeben hat die Bundesregierung beschlossen, den Kauf von Elektroautos mit bis zu 4000 EUR zu bezuschussen. Die Zukunft der Mobilit\u00e4t ist elektrisch, twittern die Regierungsaccounts fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Auf Diskussionsportalen jedweder Art entfaltet sich jetzt in diesem Augenblick leider wieder, \u00e4hnlich der Fl\u00fcchtlingsdiskussion, eine Diskussionskultur, die nur zwei Seiten kennt. F\u00fcr die einen ist kompromisslos klar, dass vollelektrische Fahrzeuge m\u00f6glichst schnell eine hundertprozentige Abdeckung erreicht werden, und alle die Einw\u00e4nde haben, sind Umweltverschmutzer erster G\u00fcte. Die anderen schimpfen auf die kurzsichtigen Gutmenschen mit ihren zerst\u00f6rerischen \u00d6koambitionen.<\/p>\n<p>Das ist insofern schade, weil beide Seiten relevante Argumente haben und ein ergebnisoffener Diskurs w\u00fcnschenswert w\u00e4re. Die F\u00f6rderung von Elektroautos sehe ich vorerst kritisch. Sie folgt einem \u00e4hnlichen Schema von Entscheidungen, die sich im Nachhinein mehr als Aktionismus als durchdachte Umsicht herausstellten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor einigen\u00a0Jahren war das Problem &#8222;Fossile Ressourcen halten nicht ewig&#8220;. Diese Ressourcen halten l\u00e4nger, wenn man wenig davon verbraucht. Also wurde staatlich verordnet, den Flottenverbrauch bei Autos zu senken. Die Folge waren: Mehr Diesel (Diesel verbrauchen weniger wegen thermisch h\u00f6heren Wirkungsgrad und h\u00f6herer Energiedichte des Treibstoffs), Einsatz von aufgeladenen Motoren und Direkteinspritzern.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter die Konsequenz: Genau diese Techniken (und Diesel, \u00fcbrigens weiterhin subventioniert [ca 15 Cent weniger Energiesteuer\u00a0pro Liter &#8211; trotz h\u00f6herer Energiedichte]) f\u00fchren zu einem h\u00f6heren Schadstoff &amp; Feinstaubaussto\u00df. Durch die Reduzierung der einen Dimension hat man eine andere Dimension verschlechtert. Dieser Effekt war sicherlich nicht unbekannt &#8211; aber damals nicht so im Rampenlicht und daher f\u00fcr die Entscheidung der Einf\u00fchrung des Flottenverbrauchs unber\u00fccksichtigt. Verschlimmert ist das Ganze durch den \u00a0praxisfernen Verbrauchszyklustest &#8211; vergleicht man Herstellerangaben und Werte auf Portalen wie spritmonitor.de, wird schnell klar: So viel haben diese Techniken in der Praxis nicht gebracht. Die steigende Komplexit\u00e4t der Technik und die hohe Energiedichte im Motor f\u00fchrt aber zu geringerer Haltbarkeit und h\u00f6heren Werkstattkosten.\u00a0Rechtfertigt\u00a0der Energie&amp;Ressourcenaufwand einer\u00a0Fertigung eines Pr\u00e4zisionsteils aus Stahl, wie zB ein Turbo, jemals eventuell eingesparte Spritkosten?<\/p>\n<p>Jetzt, wo Schadstoffe im Rampenlicht stehen, bekommt also das Elektroauto seinen Glanzmoment. Sofort anliegendes Drehmoment, emissionsfrei, leise, wartungsfrei, kostenlos tanken! Zus\u00e4tzlich fordern viele Diskutanten Strafzahlungen f\u00fcr den Einsatz von Verbrennern oder starke steuerliche Nachteile.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Warum darf man technisch kritisch gegen\u00fcber E-Mobilit\u00e4t sein?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Wartungsfreiheit, das ist ein Stichwort, welches man oft liest. Ein E-Motor h\u00e4lt ewig. Man braucht kein Getriebe mehr. Der k\u00fchlende \u00d6lkreislauf entf\u00e4llt. Ja, es ist wahr: Ein E-Auto kann technisch weniger komplex sein. Aber in der Realit\u00e4t unterliegen auch E-Motoren einem Verschleiss &#8211; der elektrische Stellmotor der Valvetronic von BMW ist ein gutes Beispiel. Anschl\u00fcsse korrodieren, die Lager bekommen Spiel. Auch E-Autos profitieren von einem Getriebe [<a href=\"http:\/\/www.ingenieur.de\/Fachbereiche\/Antriebstechnik\/Das-Getriebe-in-Elektrofahrzeugen-Zukunft\">Quelle<\/a>]. Systeme wie Bremskraftverst\u00e4rker arbeiten mit Unterdruck, der\u00a0zB bei Saugbenzinern schon vorhanden ist. Diese Teile m\u00fcssen ersetzt werden &#8211; und k\u00f6nnen kaputt gehen. Selbsthilfewerkst\u00e4tten boomen &#8211; aber Elektroautos sind deutlich gef\u00e4hrlicher zu reparieren. Es flie\u00dfen hohe Str\u00f6me &#8211; und man kann diese\u00a0nicht sehen. Bei einer Mechanik sind die Risiken sichtbar und somit kalkulierbar.<\/p>\n<p>Elektroautos sind deutlich schwerer &#8211; ein Nissan Leaf, also ein Auto der Kompaktklasse, wiegt 1500 kg, genausoviel wie eine Mittelklasse-Limousine (zB E90 3er, C-Klasse). Jeder Beschleunigungsvorgang kostet deutlich mehr Energie. Der Verschlei\u00df bei Reifen und Bremsen ist h\u00f6her. Interessant w\u00e4re hier eine Studie, die diesen Effekt durchrechnet und hinsichtlich der Gesamteffizienz, auch \u00f6kologisch, bewertet. Nat\u00fcrlich sollten hier Rekuperationsbremsen ber\u00fccksichtigt werden &#8211; aber auch, wie oft von diesen Gebrauch gemacht wird. Viele Insassen berichten, dass ihnen durch den Effekt der Bremse (viele Lastwechsel) \u00fcbel wird.<\/p>\n<p>Nur der Vollst\u00e4ndigkeit halber will ich an dieser Stelle noch die Lautst\u00e4rke erw\u00e4hnen. Elektroautos sind leise, aber wom\u00f6glich stellt das eine Gefahr f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger dar, so dass man \u00fcberlegt, akustische Signale abzusondern. Das w\u00fcrde diesen Vorteil mindern. Auch w\u00fcrde ich in den Raum werfen, dass eine sensorische Abkopplung zu \u00dcbersch\u00e4tzung von Geschwindigkeit bzw \u00a0Untersch\u00e4tzung wirkender Kr\u00e4fte f\u00fchren k\u00f6nnte. Imo auch interessante Studienthemen!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Warum darf man \u00f6kologisch kritisch gegen\u00fcber E-Mobilit\u00e4t sein?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Das E-Auto ist emissionsfrei &#8211; endlich wieder durchatmen. Nur am Rande soll hier erw\u00e4hnt werden, was eh schon jeder mal geh\u00f6rt hat: Der Strom muss irgendwo produziert werden. Das geht in einer gro\u00dfen Anlage aber nat\u00fcrlich effizienter und mit h\u00f6herem Wirkungsgrad, oder gleich auf Solar\/Wind\/Wasser gehen.<\/p>\n<p>Tesla will\u00a0die Herstellungskapazit\u00e4t der weltweiten Produktion von Lithium-Batterien verdoppeln [<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tr\/artikel\/Elon-Musks-Vision-von-der-Gigafactory-2171530.html\">Quelle<\/a>]. Was f\u00fcr einen Effekt hat das auf den Abbau von Lithium und welche Umweltsch\u00e4den entstehen hier? Was f\u00fcr Effekte entstehen in der Recyclingkette?<\/p>\n<p>Wie eben angesprochen sind Elektroautos tendentiell schwerer &#8211; das Tesla Model S wiegt 2100 kg, eine \u00e4hnlich gro\u00dfe E-Klasse mit vergleichbarer Motorisierung ca 1700kg.\u00a0Das macht 400kg Unterschied, die bei einem Crash sicher abgefangen werden m\u00fcssen. Das folgende ist eine Vermutung: Man ben\u00f6tigt mehr Stahl um den \u00dcberlebensraum\u00a0bei einer Kollision stabil zu halten. Wie wirkt sich das auf den \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck aus?<\/p>\n<p>Der lokale Wirkungsgrad ist nicht 100%: Die Selbstentladung einer Li-Ion Batterie ist weniger als 2% bei 20\u00b0C pro Monat, die Lade&amp;Entladeeffizienz ca 90%. Vom Aufladen zur Umsetzung im Motor also ~81% Wirkungsgrad. Ist der Wirkungsgrad im Kraftwerk im Vergleich zum Verbrenner so viel h\u00f6her, dass sich das lohnt? Ich will diese Frage nicht verneinen &#8211; ich w\u00fcrde nur gerne eine Antwort darauf haben.<\/p>\n<p>Angenommen, man ersetzt alle 45 Mio Autos der Bundesrepublik durch E-Autos. Wir nehmen an, dass in jedem Auto durchschnittlich eine 50 kWh-Batterie sitzt. Und dann sind wir optimistisch und nehmen wir an, dass das ganze Jahr \u00fcber 20\u00b0C herrscht. Dann verpufft jeden Monat in etwa 1,5%, also 750 Wh pro Auto. Das sind bei 45 Mio Autos 33 Gigawattstunden, die pro Monat verschwinden &#8211; also so viel, wie 19.000 westliche Durchschnittsb\u00fcrger pro Jahr an Energie verbrauchen. Es w\u00e4re f\u00fcr die Diskussion hilfreich, wenn jemand diese Zahl mal evaluiert und in Kontext setzt. Und dabei nat\u00fcrlich die Temperatur integriert &#8211; der Jahrestemperaturdurchschnitt ist in M\u00fcnchen 9\u00b0C und nicht 20\u00b0C.<\/p>\n<p>Die gesamte \u00f6kologische Diskussion wird auch dadurch getr\u00fcbt, dass aktuell ein regelrechter SUV-Boom herrscht &#8211; und die Transporteffizienz wegen hohem Gewicht, gro\u00dfen Reifen und f\u00fcrchterlichem Luftwiderstand drastisch gesenkt wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Warum darf man soziologisch kritisch gegen\u00fcber E-Mobilit\u00e4t sein?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Ein Neuwagen ist teuer. Etwa 60% angeschaffter Autos sind gebraucht [<a href=\"http:\/\/de.statista.com\/themen\/1377\/gebrauchtwagenhandel\/\">Quelle<\/a>]. Der gebrauchte Wert eines E-Fahrzeugs ist aber wegen der begrenzten Lebensdauer der teuersten Komponente &#8211; dem Akku &#8211; eingeschr\u00e4nkt. (\u00dcbrigens auch ein interessanter Punkt im Kontext \u00d6kologie). Die Forderung nach Strafzahlungen oder einer erh\u00f6hten Besteuerung von Verbrennern tr\u00e4fe genau die, die ohnehin finanziell nicht wohlsituiert sind. Auf genau diese Gruppe trifft wahrscheinlich auch am ehesten das Problem der verschlechterten Reparierbarkeit zu.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Gedankenspiel: 45 Mio E-Autos. Wie und wo werden diese geladen, wenn man nicht der reiche Akademiker mit Eigenheim und Garage mit Wallbox ist, sondern in einem Komplex mit 20, 30, 40 Wohnungen lebt? An dieser Stelle w\u00e4ren Studien zu Lebensraumkonzepten interessant, die diesen Aspekt integrieren.<\/p>\n<p>Deswegen sollte man Bedenken einiger Kommentatoren betreffend der Arm-Reich-Schere, gerade hinsichtlich der Kaufpr\u00e4mie &#8211; &#8222;Umverteilung von unten nach oben&#8220; &#8211; zumindest nicht v\u00f6llig abtun.<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Flexibilit\u00e4t und Optionen haben f\u00fcr manche Menschen Wert<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Diese Stelle ist mehr ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Toleranz gegen\u00fcber dem, was manche Menschen an Dingen sch\u00e4tzen. Ich beobachte oft, dass in Diskussionen Vorlieben anderer m\u00f6glichst invalidiert werden. Ein gutes Beispiel ist Reichweite: &#8222;Wenn du mehr als 200km fahren willst &#8211; miete dir doch einen Verbrenner extra f\u00fcr Langstrecke!&#8220;. Genau das ist aber eine Reduktion von Optionen, und in den meisten F\u00e4llen auch teurer. Das gleiche gilt f\u00fcr: &#8222;Mit nem Speedcharger ist man in 20 Minuten wieder bei 80%, mach doch einfach ne Pause!&#8220; &#8211; hier auch, ob das bei einer konvergierend 100% E-Auto-Durchsetzung noch der Fall ist.<\/p>\n<p>Dazu muss man aber auch sagen, dass nat\u00fcrlich alle Menschen den Planeten gemeinsam bewohnen und eventuell individuelle Freiheiten hinter dem Wohl aller zur\u00fccktreten m\u00fcssen. Dennoch denke ich, dass diese Diskussion mit weniger Aggressivit\u00e4t gef\u00fchrt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Wissenschaft ist kein linearer Prozess<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Zuletzt m\u00f6chte ich noch etwas zu Forschung sagen. Wissenschaft ist kein linearer Prozess. Wenn man das Budget verdoppelt, kann es sein, dass es nicht in halber Zeit geht. Probleme lassen sich eventuell nicht durch den blo\u00dfen Einsatz von &#8222;mehr Wissenschaft&#8220; l\u00f6sen. Es klingt oft so, als w\u00e4re die L\u00f6sung f\u00fcr das Reichweitenproblem, das Selbstentladungsproblem, das Ladedauerproblem und die Haltbarkeit schlicht und einfach &#8222;mehr Batterieforschung&#8220;. Es ist aber schwer vorherzusagen, wann diese Forschung welche Ergebnisse zu welchen Bedingungen liefert &#8211; oder ob \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Nicht gegen Elektroautos<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Schlusswort. Ich bin nicht gegen Elektroautos, sondern f\u00fcr einen ergebnisoffenen Diskurs von Fragen, die die ganze Gesellschaft betreffen &#8211; auch, um zu vermeiden, dass man aktionistisch Dinge behebt und andere daf\u00fcr verschlechtert. F\u00fcr eine klarere Faktenlage, bevor man seinen Kampfanzug anzieht und sich in eine Extremposition begibt. Es ist klar, dass viele scheinbare Nachteile von E-Autos Verbrenner noch st\u00e4rker betreffen, und E-Autos diese zumindest besser l\u00f6sen. Aber in Hinblick auf die noch m\u00f6glichen Entwicklungen beim Verbrenner und die \u00f6kologischen und \u00f6konomischen Kosten des Umstiegs w\u00e4re es eben auch mal interessant, diese Frage unvoreingenommen zu studieren.<\/p>\n<p>Ich bin gegen die Kaufpr\u00e4mie, weil es scheinbar viele ungekl\u00e4rte Probleme gibt. Besser h\u00e4tte ich es gefunden, wenn man die 1,2 Mrd Euro an Universit\u00e4ten und Forschungsinstitute gegeben h\u00e4tte &#8211; um die Technik voranzutreiben, offene Fragen aufzudecken und Alternativen in der Hinterhand zu gewinnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders freue ich mich auch auf eure Kommentare!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soeben hat die Bundesregierung beschlossen, den Kauf von Elektroautos mit bis zu 4000 EUR zu bezuschussen. Die Zukunft der Mobilit\u00e4t ist elektrisch, twittern die Regierungsaccounts fr\u00f6hlich. 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