{"id":497,"date":"2009-01-07T16:26:55","date_gmt":"2009-01-07T15:26:55","guid":{"rendered":"https:\/\/acureus.com\/?p=497"},"modified":"2009-01-07T17:03:21","modified_gmt":"2009-01-07T16:03:21","slug":"armer-hilfsbedurftiger-am-stachus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.acureus.com\/?p=497","title":{"rendered":"Armer Hilfsbed\u00fcrftiger am Stachus&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Ich stehe also am Stachus. Da kommt ein junger Mann daher, eher S\u00fcdl\u00e4ndischer Abstammung vom Aussehen her, und f\u00e4ngt an, mit mir zu reden: er habe ein Problem und braucht Hilfe, ob es denn in Ordnung w\u00e4re, wenn wir uns etwas abseits setzen um dar\u00fcber zu reden. Ich wartete ohnehin auf meine S-Bahn und willigte also ein.<\/p>\n<p>Zuerst stellt er sich vor und fragt nach meinem Namen und wann ich wohin weiter fahre. Dann erkl\u00e4rt er mir seine moralischen Vorstellungen, dass es meine freie Entscheidung sei, ihm zu helfen, etc.. Insbesondere, dass er alles menschlich sehen will und ich ein freier Mensch bin, den er keineswegs bedr\u00e4ngen m\u00f6chte. Niemand zwingt mich, seine Geschichte anzuh\u00f6ren oder ihr Glauben zu schenken. Dann folgt diese Geschichte, der zufolge sein Kind bei der Geburt gestorben ist, das k\u00f6nne er auch beweisen. Dass das emotional schwierig ist, ist ja zu verstehen &#8211; schlussendlich sei er vor 17 Stunden von seiner Freundin herausgeschmissen worden und hat nun keine Bleibe. Ich soll bitte nicht so laut reden, es muss ja nicht der ganze Bahnhof h\u00f6ren. Er k\u00e4me aus Bremen und braucht ein Ticket zur\u00fcck dorthin.<\/p>\n<p>Dass dieses Ticket 120\u20ac kostet, kann er beweisen. Auch scheinbar, dass er deutscher Staatsb\u00fcrger ist &#8211; jedenfalls hatte er so einen grauen Reisepass-\u00e4hnlichen Ausweis inklusive Adler-Hologramm und sagte, er habe eine Lehrstelle in Bremen hat und k\u00f6nne das Geld am 16. Januar zur\u00fcckzahlen. Da bekommt er n\u00e4mlich sein Gehalt. Wir k\u00f6nnen das vertraglich festlegen und ich k\u00f6nne seine Personalien haben. Nochmals weist er mich darauf hin, ich soll nicht zu laut sprechen &#8211; meine Reaktionsgedanken werden schnell in weiteren Beweis- und Glaubw\u00fcrdigkeitsargumenten begraben. Ich frage nach einer Sicherheit, aber er meint, er hat nicht mehr als sein Mobiltelefon dabei, und das ist ja wohl nicht genug wert, vielleicht k\u00f6nne man ihn auch ohne erreichen, aber die Idee schien f\u00fcr keinen von uns beiden allzu praktisch. Wir unterhielten uns \u00fcber das Problem des m\u00f6glichen Betrugs und meine eher negativen Erfahrungen mit solchen Begegnungen. Er betonte, dass er es nun wirklich nicht n\u00f6tig habe, sich auf so eine Art Geld zu verschaffen.<\/p>\n<p>Meine S-Bahn war schon die n\u00e4chste einfahrende. Da bot ich an, er kann doch mitfahren. Das ginge nicht, er habe ja nicht einmal eine Streifenkarte. Kein Problem, ich selbst hatte eine dabei. Nein, das w\u00e4re ihm zu ung\u00fcnstig. &#8222;Warum? Ich h\u00e4tte Leute, die sich mit solcher Problematik auskennen, und das l\u00f6sen k\u00f6nnen.&#8220; &#8211; &#8222;Wir brauchen doch keine Leute, das ist doch eine Sache zwischen uns, k\u00f6nnen wir uns denn nicht vertrauen?&#8220; &#8211; (Die S-Bahn f\u00e4hrt ein, mein Gehirn ist noch dabei, den vorigen Satz zu verdauen) &#8211; &#8222;Jetzt stempel und komm mit!&#8220; &#8211; &#8222;Das ist mir zu weit.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich in die S-Bahn einsteige, sage ich noch, halb zu mir selbst &#8222;Ich glaube dir nicht.&#8220;, und die n\u00e4chsten paar Sekunden bereue ich im Nachhinein. Ich mache eine unklare Geste gegen\u00fcber ihm, sehe kurz in richtung S-Bahn, und kann ihn nicht mehr ausmachen &#8211; dann schlie\u00dfen die T\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte wieder aussteigen sollen, so tun, als wolle ich ihm Geld geben, und in einem g\u00fcnstigen Moment den Leuten um mir zurufen, dass sie ihn (bzw. uns) nicht entkommen lassen sollen. Aber ich war mir erst in den letzten Sekunden sicher, und in denen war ich einfach zu langsam. Er war das nicht, nach dem Kurzen Blick zur Seite habe ich ihn nicht mehr sehen k\u00f6nnen. Und den Ausweis habe ich nicht gut genug gesehen, um der Polizei allzuviel geben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Mensch war wirklich unheimlich glaubw\u00fcrdig, und erschien mir auch keineswegs dumm. Das tats\u00e4chliche Gespr\u00e4ch war viel l\u00e4nger und verwirrender als das hier aufgeschriebene, und Methoden wie &#8222;Sieh mir in die Augen, glaubst du im Ernst, dass ich hier nur f\u00fcr Geld heruml\u00fcge?&#8220; mit passender Betonung tun ihren Teil, der nicht leicht in Worte zu fassen ist. Auch einige Details faszinieren mich: in der Vorstellung zB &#8222;Ich hei\u00dfe &#8230; aber meine Freunde nennen mich &#8230;&#8220; &#8211; ich glaube, keiner der dort genannten Namen war auf dem Ausweis, aber auch den hat er nur kurz gezeigt, und mit dem ausweichenden Argument wieder weggesteckt, dass er zu wichtig sei, um als Pfand zu dienen. Diese Verwirrung und der ausl\u00e4ndische Name auf dem Ausweis gen\u00fcgten, dass ich ihn jetzt nicht mehr wiedergeben kann.<\/p>\n<p>Im Nachhinein fielen mir nat\u00fcrlich schnell gute L\u00f6sungswege f\u00fcr n\u00e4chstes Mal ein. Der Endvorschlag des Mitkommens ist zB gut. Alles, was sonst andere Leute involviert auch &#8211; Polizei, Bahnbeamte, sonstwen als Zeugen und Ideenspender mit einbeziehen. Ich h\u00e4tte auch klarstellen sollen, dass ich ihm nat\u00fcrlich nur direkt das Ticket kaufen w\u00fcrde, niemals das Geld direkt gebe. Wenn er auf so etwas negativ reagiert, hat er sich schon ziemlich geoutet. Ab da braucht man lediglich einen Weg, seine Flucht zu verhindern und die Polizei zu rufen &#8211; was leider f\u00fcr sich schon fast unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Immerhin habe ich seine Zeit verschwendet und dabei etwas gelernt. Auch kein so schlechtes Resultat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stehe also am Stachus. Da kommt ein junger Mann daher, eher S\u00fcdl\u00e4ndischer Abstammung vom Aussehen her, und f\u00e4ngt an, mit mir zu reden: er habe ein Problem und braucht Hilfe, ob es denn in Ordnung w\u00e4re, wenn wir uns etwas abseits setzen um dar\u00fcber zu reden. 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